24. Juli 2016

Das Drama-Dreieck

  • Familienstellen

Die meisten Menschen mögen es, wenn alles harmonisch ist und versuchen deshalb, einem Konflikt so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Wenn es aber dennoch zum Konflikt kommt, ist es sehr schnell passiert, dass man sich in einer Alltagssituation – im Drama-Dreieck befindet. Der Begriff „Drama-Dreieck“ stammt vom englischen Wort „Drama Triangle“ ab, welches vom kalifornischen Psychologen Stephen Karpman in der Transaktionsanalyse als eine Dynamik verschiedener Rollen beschrieben wurde. Dieses Modell eignet sich gut, um zu verstehen, was in vielen unproduktiven und ungelösten Kommunikationssituationen vor sich geht. Die Transaktionsanalyse unterscheidet zwischen vier Grundeinstellungen:

„Ich bin ok, du bist ok.“

„Ich bin ok, du bist nicht ok.“

„Ich bin nicht ok, du bist ok.“

„Ich bin nicht ok, du bist nicht ok.“

Die einzige gesunde Grundeinstellung ist: „Ich bin ok, du bist ok.“ Alle anderen Grunddynamiken führen automatisch zum Drama-Dreieck. Die drei manipulativen Rollen, in welche Menschen sich in einem Konflikt hineinmanövrieren, wurden folgendermassen definiert:

 

Drama-Dreieck

 

Das Opfer: Es übernimmt die defensive, schwächste Rolle und fühlt sich durch Konfrontation angegriffen. Meistens wird das Opfer für etwas verantwortlich gemacht. Wir erkennen ein Opfer daran, dass es hilflos ist, im Selbstmitleid versinkt, Angst hat oder sich nichts zutraut. Da ein Opfer auf keinen Fall Verantwortung für sich selbst übernehmen möchte, kommt es nur sehr schwer aus seiner Opferrolle heraus. Unbewusst sucht es sich in seinem Umfeld Personen aus, welche zum Täter werden oder es durch seine ohnmächtige Position retten wollen, da es sich nicht in der Lage fühlt, die eigene Situation zu ändern. Meistens hat das Opfer die Grundeinstellung: „Ich bin nicht ok, du bist ok.“ Oder „Ich bin nicht ok, du bist nicht ok.“

Der Täter / Verfolger: Der Täter ist der vermeintlich „Mächtige“. Er weckt beim Opfer Schuldgefühle und fühlt sich allen anderen gegenüber sehr überlegen. Er konfrontiert das Opfer und agiert aus seiner aggressiven, offensiven Rolle heraus mit Kritik oder Anschuldigungen. Durch Personen, welche sich vom Verfolger zum Opfer machen lassen, erhält er immer wieder Bestätigung und übt so enorm viel Macht aus. Gezielt sucht er sich Menschen aus, die sich unterordnen und an sich selbst zweifeln. Er handelt aus der Grundeinstellung: „Ich bin ok, du bist nicht ok.“

Der Retter: Personen in der Rolle des Retters sind oft selbstgerecht und besserwisserisch. Sie erteilen (meist auch unaufgefordert) gutgemeinte Ratschläge und machen die Opfer durch ihre Hilfe abhängig von sich selbst. Dadurch fühlt sich der Retter stark, was sein meist grosses Ego zusätzlich steigen lässt. Ebenso erntet er grosse Dankbarkeit für sein helfendes Eingreifen und Verteidigen des Opfers. Wie der Täter hat auch er die überhebliche Grundeinstellung: „Ich bin ok, du bist nicht ok.“

Wichtig zu wissen ist, dass der Täter ursprünglich wohl selbst mal Opfer war und tief verletzt wurde. Die dadurch entstandenen Minderwertigkeitskomplexe versucht er durch seine Machtspiele zu vertuschen. Das Opfer nützt seine Situation insofern aus, dass es in seiner Hilflosigkeit die gesamte Verantwortung für sein Handeln komplett abgibt. Der Retter wiederum versucht von sich selbst und seinen Problemen abzulenken, indem er sich für das Opfer einsetzt. Dadurch muss er seinen eigenen Schmerz nicht fühlen.

Das Heimtückische beim Drama-Dreieck ist, dass die Rollen keineswegs statisch und fest vergeben sind, sondern sie wechseln situationsbedingt ständig, weshalb es so schwierig sein kann, aus dem Drama-Dreieck auszusteigen. Der Täter beispielsweise kann sein Verhalten keineswegs als aggressiv wahrnehmen und durch die heftige Reaktion des Opfers selbst in die Opferrolle rutschen. Ebenso kann er sich vom Retter angegriffen fühlen und dadurch die Opferrolle übernehmen. Er kann das Opfer gegen die Bevormundung des Retters verteidigen, was ihn wiederum zum Retter macht. Das Opfer kann sich gegen den Angriff des Täters wehren und ihn konfrontieren, was es wiederum zum Täter macht. Der Retter kann zum Opfer werden, im Falle, dass das Opfer seine Hilfe nicht annimmt oder zum Täter werden, indem er das Opfer verteidigt und den Täter angreift etc. etc.

 

Das Drama-Dreieck findet sich in jeglichen Alltagssituationen. Hier ein Beispiel aus dem Berufsleben:

Die Vorgesetzte wird zur Täterin, indem sie ihren Mitarbeiter vor dem ganzen Team zur Rede stellt und für sein unangemessenes Handeln bestraft. Aus seiner Opferrolle heraus beklagt sich der Mitarbeiter beim Abteilungsleiter und jammert über die unerträgliche Situation mit seiner Vorgesetzten, was ihn wiederum zum Täter gegenüber seiner Vorgesetzten macht. Der Abteilungsleiter hat Mitleid mit dem scheinbar hilflosen Mitarbeiter, verteidigt diesen und wird dadurch zu dessen Retter sowie zum Täter gegenüber der Vorgesetzten, indem er diese zur Rechenschaft zieht. Die Vorgesetzte fühlt sich dadurch angegriffen und in ihrer Führungsrolle bevormundet, was sie in die Opferrolle rutschen lässt. Der Mitarbeiter fühlt sich durch den Abteilungsleiter bestätigt in seinem Tun und Lassen und erhält Macht über seine Vorgesetzte, was ihn wiederum als Täter agieren lässt. Er nutzt diese Situation aus, widersetzt sich jeglichen Anweisungen seiner Vorgesetzten und verbreitet Gerüchte bei seinen Arbeitskollegen. Die Vorgesetzte findet sich immer wie mehr in der Opferrolle wieder, weil sie keine Rückendeckung des Abteilungsleiters verspürt und inzwischen der halbe Betrieb schlecht über sie spricht. Sie beklagt sich beim Abteilungsleiter und wünscht eine Versetzung, ansonsten droht sie mit Kündigung. Der Abteilungsleiter hat Angst, eine langjährige Schlüsselperson zu verlieren und sieht ein, dass er unüberlegt gehandelt hat. Er beschwichtigt sie und lässt sich auf jegliche Forderungen ein. Er zieht den Mitarbeiter für sein Verhalten zur Rechenschaft und droht ihm mit Kündigung, falls er sich zukünftig nicht an die Richtlinien hält. Dadurch wird er wiederum zum Täter gegenüber dem Mitarbeitenden und zum Retter der Vorgesetzten, der Mitarbeiter ist erneut in der Opferrolle etc. etc.

 

Ausstieg aus dem Drama-Dreieck:

Wie man aus obigem Beispiel erkennen kann, ist das Drama-Dreieck ein unendliches „Spiel“ mit permanenten Rollenwechseln. Wie schafft man es nun in einer solchen Konfliktsituation, aus dem Drama-Dreieck auszusteigen? Zuerst muss man sich dessen bewusst werden und erkennen, in welcher Rolle man sich befindet. Ausserdem darf nicht vergessen werden, dass das Drama-Dreieck aus subjektiver Sicht durchaus auch reizend sein kann, weil man dadurch viel Aufmerksamkeit erhält. Ein bewusster Ausstieg aus dem Drama-Dreieck ist nur möglich, indem man auf diese ungesunde Aufmerksamkeit verzichtet und ein angemessenes Selbstbewusstsein entwickelt. Dies ermöglicht eine wertschätzende Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber und führt zu der gesunden Grundeinstellung. „Ich bin ok, du bist ok.“ Wahrzunehmen, dass ein Spiel gespielt wird und sachlich zu überprüfen, in welcher Rolle man sich gerade befindet, ist bereits ein grosser Schritt. Wer es schafft mit „Ich Botschaften“ seine Gefühle auszudrücken und sachlich auf Fragen zu antworten, befindet sich auf einem sehr guten Weg. Dadurch kann gegenseitiges Vertrauen entstehen und Versöhnung stattfinden. Das Familienstellen kann eine hilfreiche Unterstützung sein, sich seiner Rolle in einer Konfliktsituation bewusst zu werden und dieses „Spiel“ durch Stärkung des Selbstbewusstseins zu beenden.